BÄRBEL KÜSTER OBSOLESZENZ DER ABLAGE.

HEIDEMARIE VON WEDELS BUCHBLOCK LIBRARY (2012-2014)







Die Stuttgarter Künstlerin Heidemarie von Wedel schleicht sich mit ihren Fotos

in den Alltag hinein. Sie produziert ein ständig wachsendes Archiv von Bildern,

deren Ziel nie das Einzelbild, nie die Präsenz eines essentiellen, ikonischen Tafelbildes

bekommt, sondern eher ein assoziatives Rauschen im Ablauf einzelner

Momente des Gesehenen, Erlebten, Erhaschten ist. Ihre Arbeit als Fotografin umfasst

für sie deshalb nicht nur das Auslösen der Kamera, sondern auch die spätere

Auswahl der Fotografien in Bildkonstellationen, Bilderfolgen und Tableaus aus

ihrem Archiv. Diese Montagen sind dabei nicht an einer Erzählstruktur orientiert,

gleichwohl Heidemarie von Wedel mit den oft rätselhaften Konstellationen

durchaus‚ Erzählungen‘ bei der Betrachtung evoziert. Die Fotos loten das Seltsame

des Alltags aus, halten das Zufällige und Arbiträre fest und geben momenthaften

Aufnahmen einen möglichen Ort in der Zeit, die Heidemarie von Wedel

als einen immer wieder neu zu beginnenden Erzähl- und Imagniationsfluss versteht.

Auch Leerstellen spielen in den Bewegungen zwischen den Bildern eine

wichtige Rolle.

Der Buchblock Library ging aus einer grundlegenden Revision und Neuordnung

ihrer bisherigen künstlerischen Arbeit hervor.

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Dafür wurde nicht nur

das Fotoarchiv in Form von Archivabzügen nach Schlagworten neu geordnet,

sondern von Wedel unterzog auch ihre Bibliothek und ihr bisheriges Leben mit

(Kunst-)Büchern einer Bilanz. Library ist eine Künstlerpublikation bestehend

aus drei auf Naturpapier gedruckten „Bildblöcken“ („notes“, „storage“, „readings“)

von 2012-14, die mit Fadenheftung zu einem ‚Buchblock‘ von insgesamt

84 Seiten zusammengefasst sind. Die materielle Präsenz des Papiers spielt

in der Originalpublikation eine große Rolle, ebenso wie die Abfolge der Seitenkompositionen.

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1 Im Tafelteil dieses Bandes finden sich beide Abbildungen dieses Beitrags im Vierfarbdruck.

2 Vgl. Vogel (Hg.) 2001, ,Ich kann viele Flüsse bauen‘. Ein Gespräch, 7.

3--> Eine künstlerische Neuordnung des eigenen Archivs unter den Vorzeichen einer durch Assoziationen

geleiteten Anordnung nimmt der Künstler Matthias Megyri vor (siehe Tafelteil),

vgl. dazu auch das Essay von Bärbel Küster über den Künstler im zweiten Kapitel.

4 „Block 1 (notes)“ zeigt die Gebrauchsreste des Lesens, „Block 2 (storage)“ das Arbeitsinstrument

der Büchersammlung, welche die Fotos der Bücher zu „abstrakten Speichervolumina, zu

Sedimenten aus Papier“ transformiert (von Wedel), „Block 3 (readings)“ dokumentiert die

Buchrücken so wie sie im Regal gereiht gewesen waren, einige Titel sind lesbar, andere sind

über weiße Leerstellen gelöscht. Von Wedel versteht diese Fragmentierung analog zu ihrem




Das ‚große Aufräumen‘ ihrer Bibliothek und die Durchsicht der im Regal

abgelegten Bücher war ein Rückblick, eine materiale Zusammenstellung des

bisher Gewesenen oder auch des nur Erinnerten. Die Rückschau auf die Bücher,

deren äußere Erscheinung nicht nur mit den Leseerlebnissen, sondern auch mit

Lebenszeit, Orten und Personen, intellektuellem Austausch und Diskussionen

verbunden war – so führte es Walter Benjamin in seinem Aufsatz „Ich packe

meine Bibliothek aus“ für den umgekehrten Fall des Einsortierens vor – war

Heidemarie von Wedel ein Anlass, nach der Präsenz der Bücher als materiellen

Trägern von Gedanken und Erinnerungen zu fragen.

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In der Ablage, in der die Bücher gerade nicht gelesen werden, sind sie wie

Pausenzeichen im Regal des musikalischen Tonflusses hinterlegt, Bücher verändern

sich nicht nur durch die Benutzung und Durcharbeitung nach dem

Rhythmus des eigenen Lebens, Denkens und Notierens, sondern auch in der

Ablage (und zwar in einem unbestimmten Maße). Die manuelle Handhabung

der Bücher, Hervorholen und Ablegen, produziert Stapel, und mit jeder Bewegung

verändert sich der erinnerte Inhalt, neue Kontexte ergeben sich im Ablauf

der Zeit zu neuen Perspektiven auf das Gelesene. Die jeweilige Konstellation

ermöglicht sowohl imaginäre Re-Lektüren wie auch das Erinnern an Orte, an

Geschmäcker und an Inhalte der Lektüre, an die Haptik des Einbandes, Bilder

und Gedanken. Die Bücher bewegen sich ebenso wie die Fotos aus dem Alltag

zwischen Obsoleszenz und Fluoreszenz, zwischen dem Aufgeladensein der Bücher

als Objekte und den Prozessen des Vergessens.

Die Fotos der abgelegten Bücher nähern sich den Leseinhalten und den materiellen

Leseresten – etwa wenn in „Block 1 (notes)“ (siehe Abb. 2) man ein

aus dem Buchstapel herausragendes Druckstück „la collection“ mit einzelnen

Notaten der Autorin in Verbindung zu bringen versucht, während sich helles

Sommerlicht an den Buchkanten bricht. Oder wenn in „Block 3 (readings)“ auf

der vertikalen Struktur der Buchrücken ein „Materialienbuch“ über „Kindheitsmuster“

und auf dem Kopf stehenden „Ordnungsmustern“ weiterführt zu

„Flush“, „Zwischen den Akten“, „Orlando“ und „Leidenschaft“. Die

verschiedenen Titel der Serien öffnen auch vielfältige mögliche Perspektiven

auf die Buchstapel, die das Bewahren ebenso aufrufen wie das Vergessen:

Meine Büchersammlung war nie leidenschaftslos. Mit einem Buch vereinnahme

ich seinen Inhalt, verfüge ich frei, beginne Dialoge zu führen. Manche Buchtitel

waren immer mehr als nur das Buch: Sie eröffnen ein Denken, spiegeln eine Welt,

eine Zeit, sie inspirieren. Manchmal entsteht dabei so eine zeitlose Zeitlichkeit wie

beim Lesen, die mich im Moment mit Zeiträumen und Menschen verbindet, gleich

einem Eintauchen in die Zeilen, Worte und Bilder der aufgeschlagenen Seiten.

Ich erinnere Bücher in ihrer Form und in ihrer Haptik, ihrem Geruch, in ihrem

Gewicht, aber auch, wo ich sie gelesen, mit wem ich sie geteilt habe, in welchen Taschen ich sie getragen, wo gezeigt, ausgetauscht, verschenkt, und wo ich sie ins

Regal gestellt habe. Manche wurden Teil von mir. 6



sporadischen Auftauchen als Erinnerungsmomente. Heidemarie von Wedel im Gespräch mit

der Autorin, Stuttgart, 19. Dezember 2015.

5 „Alles Erinnerte, Gedachte, Bewußte wird Sockel, Rahmen, Postament, Verschluss seines Besitztums“

(Benjamin 1972, Ich packe meine Bibliothek aus, 389).

6 Heidemarie von Wedel im Gespräch mit der Autorin, Stuttgart, 19. Dezember 2015.



In einigen Fotos von „Block 3 (readings)“ hat Heidemarie von Wedel Teile der

lesbaren Titel durch Leerstellen ersetzt. In der Buchpublikation sind diese Stellen

nicht in Weiß gedruckt, sondern durch die Abwesenheit von Druckfarbe erzeugt:

Papier erobert sich hier in seiner jeweiligen Materialität den Buchrücken

zurück. Das Obsoletwerden, die Abnutzung und die Entsorgung sind den Prozessen

des Erinnerns und Verstehens als eine Art Selbstzensur komplementär.

Die Materialität der gelesenen Bücher wird abgewogen gegen den Umfang ihrer

bleibenden Werte. Zugleich weisen die Leerstellen ins Reich der Abstraktion,

denn es sind nicht nur diese konkreten Worte, die die ‚Poesie‘ der Fotos

ausmachen, sondern auch ihre fotografisch präzise Schichtung abstrakter Farbstreifen,

die insbesondere in den gezoomten, auschnitthaften Aufnahmen der

Stapel in den Vordergrund treten. Durch den komprimierten Bildausschnitt erreichen

die Fotos eine hohe Konzentration auf die Materialität der Bücher, ihre

Schwere, das Papier und die glänzenden Einbände. Auf einigen Fotos, vor allem

in „Block 2 (storage)“ (siehe Abb. 1), ist nur die Schnittseite der Bücher zu

sehen und die Farben entsprechend auf Papiertöne reduziert. In der Abfolge der

Fotos wiederholt sich vor allem das Motiv der Schichtung, selbst schon Metapher

der Erinnerung. Einer allzu nostalgischen Vorstellung entgegenarbeitend

überführt von Wedel diese Schichtungen in eine farblich fein abgestufte und

ausgeleuchtete Abstraktion von Streifen und kartiert das Feld der Erinnerung

als konkrete, ungegenständliche Kunst.

Fotografie nähert sich so den Farbfeldern eines Camille Graeser an, während

andere Fotos zurück zu den Texturen grober Leinwandeinbände und abgegriffener

Rückseiten führen. Der Kippeffekt zwischen einem lesbaren Objekt der

Fotografie und einer Abstraktion von Farbstreifen kann wie ein Kommentar zu

gleichzeitig stattfindenden Prozessen des Vergessens und Erinnerns verstanden

werden, wie sie beim Transformieren eines Objektes in eine Ablage vor sich

gehen: Titel und Nicht-Titel, Namen und Leerstellen sind dialektisch verbunden.

Die „Beweisführung“ wie sie auf der abgebildeten Seite aus einem verknitterten

Zeitungsartikel ins Auge springt – spannt ihren Bogen von den am unteren

Bildrand gesichteten Künstlerstars wie Andy Warhol bis zum „Fluch über

Eva“, öffnet aber in doppeldeutiger Weise auch viele Zeilen unlesbaren Textes.

Heidemarie von Wedel studierte unter anderem bei Ernst H. Gombrich in London

Kunstgeschichte. Gombrich war einer der ersten Kunsthistoriker, die sich

bereits in den 1970er Jahren mit dem heute berühmten, damals noch ‚verkannten‘

Kunsthistoriker Aby Warburg befasste.

7

Gombrichs Auseinandersetzung

mit Warburgs Bilderatlas spielte deshalb für Heidemarie von Wedel für ihre

fotografische Produktion immer wieder eine große Rolle: Das Sortieren und

Umsortieren, die Beweglichkeit der Bilder im Atlas, bringen eine ‚Erzählung‘

hervor, die auf eine visuelle Evidenz vertraut, eine unmittelbare Einsichtigkeit.

Aby Warburgs Atlas lenkte die Aufmerksamkeit auf die Lücken zwischen den

abgebildeten Kunstwerken und Transformationsprozesse, die zwischen einer

Bildfindung und ihrer Bedeutung (Ikonologie/Ikonographie), der Überlieferung

eines Bildes und den Neuinterpretationen durch spätere Generationen und Kulturen

bestehen. Warburg glaubte daran, dass auch weit voneinander entfernte

Kulturen ähnliche Symbole für bestimmte psychische Sachverhalte entwickelten.

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Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung, Titanin, Tochter des Uranos und

der Gaia, gab ihren Namen für Warburgs Atlas-Projekt. Das Erinnern ist bei

Warburg nicht nur ein Akt individueller Tätigkeit, sondern ein kollektiver Vorgang

der Aktualisierung im Rahmen einer anthropologischen Fähigkeit der

Symbolbildung. Library versteht Heidemarie von Wedel im Sinne einer Hommage

der materiellen Bücher und zu den Gedanken aus Büchern, welche jenseits

des Datenstroms bleiben werden. Die Obsoleszenz der Ablage eines materiellen

Buches schichtet auf, was vom Einzelnen und was vom Kollektiv vergessen,

erinnert und transformiert wird.

9



7 Gombrich 1981, Aby Warburg.

8 Warburg 1995, Schlangenritual; Diers/Warnke/Bredekamp 2000, Aby Warburg.

9 --> Nathaniel Hawthornes „A Virtuoso’s Collection“ thematisiert jene immer wieder von Neuem

vorgenommene Lektüre kollektiv-kulturellen Gemeinguts als individuellen Gang durch ein

Museum der Kulturgeschichte, vgl. Mona Körtes Essay „Ohne Mühe und Anordnung zusammengeworfen“

im zweiten Kapitel.




 
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